Dechant Georg PFEIFER
16.Oktober 1931

D i e    M ä ß i g k e i t

Ein Pfarrer einst die Mäßigung
im Essen und zumal im Trunk
tat seinen Gläubigen empfehlen.
Er sprach zum Heile ihrer Seelen:

"Was Mäßigkeit sei, wollt ihr hören?
Ich will die Sache euch erklären.
Wenn einer trinken kann vom Bier
der Krügel drei und wohl auch vier,
wenn der mit zweien sich bescheidet
und jeden weitern Trunk vermeidet,
ich möcht, den selt'nen Mann gern kennen,
den müßte ich wohl mäßig nennen.

Und wenn ein andrer acht verträgt,
wenn diesen die Vernunft bewegt,
daß er bei sechs sich meistern kann,
der ist fürwahr ein mäß'ger Mann.

Wenn einer erst beim zehnten Krug
sich sagen müßte: " 's ist genug."
Wenn er beim achten sich gehoben,
den müßt, ich wohl als mäßig loben.

Und wem der liebe Gott wie mir
die Gnad verleiht, daß er vom Bier
schier fünfzehn Krügel trinken kann,
wenn dieser seelenstarke Mann
bei dreizehn Krügeln Einhalt tut,
dem Durst gebeut mit Heldenmut,
dem ziemt das Lob der Mäßigkeit.
Spricht "Amen", nun, "In Ewigkeit."

Am Nachmittag, 's ist Vesperzeit,
der Prediger der Mäßigkeit
geht auf den liebgeword'nen Wegen
der Gnade Gottes froh entgegen.

Da sieht er manchen trunknen Mann,
der kaum mehr heimwärts torkeln kann.
Und manchen sieht er in dem Graben.
"Die müssen schlecht verstanden haben!"

Grad daß er nicht ganz zornig flucht.
"Ist das der heutigen Predigt Frucht?
Da red ich über Mäßigleit -
ihr seid davon noch himmelweit!"

"Herr Pfarrer", sprach ein feuchter Mann,
der grad noch halbwegs lallen kann,
"Wir gaben auf die Predigt acht,
die Probe hab'n wir heut gemacht,
wieviel ein jeder trinken kann;
die Mäßigkeit fängt morgen an!
Wir kennen aus Erfahrung heut
das rechte Maß der Mäßigkeit."


Dechant Georg PFEIFER

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